Stadtteil Berg

Kurze Geschichte von Berg
von Ulrich Gohl

Die Besiedelung der Bergnase oberhalb des sich in vielen Schlingen dahinwindenden Neckars nahe der Nesenbachmündung begann wohl erst im Mittelalter. In einer undatierten Urkunde aus dem letzten Viertel des 12. Jh. ist erstmals von den Herren von Berg die Rede, niedrige Adelige, die – so macht Decker-Hauff anhand von Wappenvergleichen wahrscheinlich – als Dienstmannen des Markgrafen von Baden die Burg Berg innehatten. 1241 tritt zum ersten Mal einer dieser Burgherren mit Name und Datum in Erscheinung: ein „Wolframmus miles de Berge“, Wolfram Ritter von Berg. Die inzwischen zu Württemberg gekommene Burg wurde 1291 durch Albrecht von Hohenstein zerstört. Wahrscheinlich bestand zu diesem Zeitpunkt auch bereits ein Dorf Berg, als Burgsiedlung gegründet.
1490 ist dann von Burgen (im Plural!) hierorts die Rede; archäologische Funde weisen darauf hin, dass es am Fuße des Hügels tatsächlich eine zweite, ein Wasserburg gegeben hat.

Die Mühlen

Anno 1304 wird eine erste Mühle in Berg erwähnt, die später so genannte Kleine oder Hintere Mühle, wohl schon damals der Herrschaft gehörig; mit ihr war eine Schleif-, Loh- und Walkmühle verbunden. 1456 ließ Graf Ulrich der Vielgeliebte zusätzlich die Große oder Vordere Mühle errichten (1613 nach einem Brand gemäß Plänen von Heinrich Schickardt wiederaufgebaut). Zu Beginn des 16. Jh. kam am Nesenbach die so genannte Bachmühle hinzu; sie galt als besonders wichtig, denn sie fror auch in kalten Wintern nicht ein. Zum Mühlenviertel gehörte ab der Mitte des 16. Jh. außerdem eine Loh-, Stampf- und Schleifmühle sowie ab 1662 eine weitere Walkmühle. Sie alle standen am Mühlkanal, der vom Neckar abgeleitet wurde; Teile seines Verlaufes sind noch heute an den Gärten zwischen den Gebäuden der Poststraße und der Straße „Am Mühlkanal“ zu erahnen.

Berg lieferte im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, so wird man mit Fug und Recht sagen können, die Energie für die Residenzstadt, konnten sich doch die Stuttgarter nicht auf den nur unzuverlässig Wasser führenden Nesenbach verlassen.

Der Mühlkanal in Berg. Das große Haus links, mit dem Giebel zum Betrachter, ist die Große oder Vordere Mühle, die 1613 nach Plänen von Heinrich Schickardt wieder aufgebaut wurde. Rechts oben die alte Berger Kirche von 1470. (Gemälde, 1840)

Der Mühlkanal in Berg. Das große Haus links, mit dem Giebel zum Betrachter, ist die Große oder Vordere Mühle, die 1613 nach Plänen von Heinrich Schickardt wieder aufgebaut wurde. Rechts oben die alte Berger Kirche von 1470. (Gemälde, 1840)

Vielleicht an der Stelle einer Burgkapelle entstand 1470 die spätgotische Marienkirche, doch schon gut 100 Jahre später (1587) verlor die nun reformierte Kirchengemeinde ihre Eigenständigkeit und wurde zum Filial von Gaisburg.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-48) war Berg zu einem unbedeutenden Flecken herabgesunken, der eigentlich nur aus den Mühlen und einigen wenigen Wohnhäusern bestand.

Beginn der Industrialisierung

Kurzlebig nur waren die Betriebe, die in der Folgezeit in Berg entstanden. 1663 ließ Herzog Eberhard III. hier eine Tuchfabrik erbauen, die aber bald wieder einging. Die um 1670 in Betrieb genommene Papiermühle schloss 1691 ihre Pforten. Erfolgreicher war da zunächst die 1751 gegründete Seidenfabrik (Gebäude noch vorhanden, Poststr. 44) der Unternehmer Christian Jakob Rheinwald und Christoph Wilhelm Fink. Ihnen gehörten sämtliche Maulbeerpflanzungen Württembergs, sie beschäftigten 1755 fast 300 Personen, davon rund ein Viertel Kinder. Doch langfristig blieb der Erfolg aus, der Betrieb schloss 1767.

1784 lebten in Berg gerade einmal 53 Familien; 28 von ihnen ernährten sich von einem Handwerk, zehn von Acker- und Weinbau (am Hang des Höllschen Bühls, heute Park der Villa Berg), vier von einer Gastwirtschaft, elf Familienvorstände waren Taglöhner.

Mehr Erfolg war den Unternehmen beschieden, die ab der Wende vom 18. zum 19. Jh. entstanden. Eine Lederfabrik (im Gebäude der Seidenmanufaktur) entstand 1798 und produzierte noch Mitte des 19. Jh. erfolgreich vor allem Sohlenleder. Eine Türkische Garnfärberei und Wollspinnerei wurde 1808 eingerichtet; 1818 übernahm König Wilhelm I. einen Teil des Areals und ließ ihn zum „Pavillon Berg“ umgestalten. Der Stuttgarter Kaufmann Karl Bockshammer gründete 1810 eine mechanische Baumwollspinnerei – die englische Spinnmaschine hatte er ins Land schmuggeln lassen. Fast 200 Menschen arbeiteten hier. Nahezu gleichzeitig entstanden Baumwollspinnereien in Esslingen, Salach und Heidenheim – sie markieren den eigentlichen Beginn des Maschinenzeitalters in Württemberg.

Die Quellen

Seit dem 17. Jh. kannte man die Sauerbrunnenquelle auf der Berger Neckarinsel (vom „Festland“ durch den Mühlkanal getrennt). Zwischen 1710 und 1720 wurde sie gefasst und genutzt. 1740 kam ein Badhaus hinzu, das aber bald wieder verfiel. Die Stuttgarter schätzten das Nass vor allem als Trinkwasser, es wurde in Krügen in der Residenzstadt verkauft. Der Cannstatter Brunnenverein ließ die Inselquelle 1839 neu fassen.

Ebenfalls auf der Insel erbohrte der Tuchfabrikant Ehrenfried Klotz 1833 eine Mineralquelle – nicht etwa zu Badezwecken, sondern als Nutzwasser für seine 1826 hierherverlegte Fabrik. 1839 entstand dann doch ein Bad, das 1851 in den Besitz der Familie Leuze kam (und sich zum „Leuze“ weiterentwickelte).

Der schon erwähnte Tuchfabrikant Bockshammer ließ 1830/31 mehrere Brunnen erbohren, mit deren Nass er das Wasserrad seiner Spinnerei betrieb. Das Anwesen übernahmen Werkmeister Heimsch und Kunstgärtner Friedrich Neuner, die es 1856 zum Mineralbad Berg umgestalteten.

Übrigens: Ab 1843 fuhren Pferdeomnibusse von Stuttgart über Berg nach Cannstatt, auch und gerade für die Badegäste.

Das Mineralbad Berg im Ursprungszustand von 1856. Rechts am Bildrand das 1872 eingerichtete "Kurtheater Berg", im Hintergrund die neue Berger Kirche von 1855. (Lithografie, 1872)

Das Mineralbad Berg im Ursprungszustand von 1856. Rechts am Bildrand das 1872 eingerichtete "Kurtheater Berg", im Hintergrund die neue Berger Kirche von 1855. (Lithografie, 1872)

Eingemeindung

Die Rechtsverhältnisse in Berg zu Beginn des 19. Jh. (und schon früher) waren äußerst kompliziert und gaben immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen. Ein Teil der Befugnisse lag bei der Herrschaft, die sie über die Rent- bzw. Finanzkammer durch einen Amtmann ausüben ließ. Ein umfangreicher Abschnitt Bergs gehörte zur Stuttgarter Markung, so dass auch die Residenzstadt wesentliche Rechte hatte und ausübte. Andere Areale des Ortes hingegen zählten zu Cannstatt, das ebenfalls seinen Einfluss geltend machte.

1813 begannen Überlegungen und Verhandlungen, Berg nach Stuttgart einzugemeinden; bis zum Jahre 1836 sollte es dauern, bis die Gespräche abgeschlossen waren und die Vereinigung – zum 10. Dezember – vollzogen wurde. Berg wurde nun „Vorort“, bekam einen eigenen Schultheißen und eine Reihe von Zusagen, was denn Stuttgart in Zukunft für Berg tun wolle. (Die Berger Insel blieb übrigens cannstatterisch, da sich die Grenzziehung weiterhin an einem alten Neckararm orientierte.)

In den Jahren 1845-53 ließ Kronprinz Karl, der spätere König Karl, für sich und seine Frau Olga auf dem Höllschen Bühl die Villa Berg errichten. Die Anlage ging auf Ideen seines Privatsekretärs, des Schriftstellers Friedrich Wilhelm von Hackländer, zurück, als Architekt wirkte Christian Friedrich Leins, den 24 Hektar großen Park gestaltete Friedrich Neuner. Park und Villa waren üblicherweise nicht zugänglich, nur zu bestimmten Festen und Feiern lud das Königspaar die Berger hierher ein – für viele unvergessliche Augenblicke. 1853-55 entstand die (heute noch zu bewundernde) neue Berger Kirche nach Plänen von Oberbaurat Dr. von Gaab mit wesentlicher Unterstützung der Herrscherpaares.

Die 1845 bis 1853 erbaute Villa Berg auf dem Höllschen Bühl. (Lithografie, um 1860)

Die 1845 bis 1853 erbaute Villa Berg auf dem Höllschen Bühl. (Lithografie, um 1860)

Durchbruch der Industrie

Im 3. Viertel des 19. Jh. boomte Berg geradezu. Zur noch bestehenden Bockshammerschen Spinnerei kamen nun in rascher Folge weitere Betriebe hinzu: die Seidenfärberei Pflüger (1853, Poststr. 27), die Kunstfärberei von Th. Weiß (Kanalstr. 22), das Neckarwasser-Pumpwerk der staatlichen Wasserversorgung auf dem Gelände der Hinteren Mühle (1861), die Maschinen- und Kesselfabrik Hildt u. Mezger (1865), die Parkett- und spätere Möbelfabrik Schöttle (1869, Metzstr. 3/5), die Zigarrenfabrik (1872, Heinrichstr. 3), das Ziegelwerk Höfer u. Cie. (1874) und, etwas später, das Städtische Wasserwerk (1880/81, Poststr.). Die wichtigste Neugründung aber war ohne Zweifel die Maschinen- und Kesselfabrik, Eisen- und Gelbgießerei G. Kuhn, die 1852 an der (erst später so genannten) Steubenstraße entstand und mehrfach erweitert wurde; um 1900 umfasste sie ein Areal von 5,4 Hektar und beschäftigte über 1200 Menschen.

Die Kuhnsche Fabrik in ihrer Blütezeit. Im Hintergrund auf dem Hügel die Villa Berg. (Idealisierte Darstellung, 1894)

Die Kuhnsche Fabrik in ihrer Blütezeit. Im Hintergrund auf dem Hügel die Villa Berg. (Idealisierte Darstellung, 1894)

In jener Zeit entstanden auch zahlreiche Wohnhäuser hierorts: Hatte Berg bei der Eingemeindung 1836 noch aus 91 Haupt- und 69 Nebengebäuden bestanden, so waren es 1902 schon 265 Haupt- und 330 Nebengebäude. Im gleichen Zeitraum war die Einwohnerzahl von 783 auf rund 6000 gestiegen.

Vereine

In diesen Aufschwungzeiten blühte auch ein reges Gemeinschaftsleben. Der erste (nachgewiesene) Verein war der „Gesangverein Vulkania“, gegründet 1856 von Arbeitern und Angestellten der Kuhnschen Fabrik. 1861 kam, als Ableger des Cannstatter Turnvereins, der Berger Turnverein dazu. Als erste Organisation der Arbeiterbewegung gründeten sich 1865 ein (kurzlebiger) Arbeiterbildungsverein und ein Konsumverein. 1869 entstand die Freiwillige Feuerwehr Berg. 1872 gründeten Veteranen des 70er-Krieges den Kriegerverein Berg. 1875 ist von Mitgliedern der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) in Berg die Rede. 1882 konstituierte sich die „Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz Nr. 1 Stuttgart-Berg“ als erste derartige Einrichtung in Württemberg. Aus dieser ist die heutige DRK-Bereitschaft Stuttgart-Ost hervorgegangen, die, aufgrund unterschiedlicher Archivangaben (auch innerhalb ihres Verbandes), im Jahr 2008 ihr 125-jähriges Jubiläum gefeiert hat.
Das Gründungsjahr des rührigen „Bürgervereins der unteren Stadt und Vorstadt Berg“ lässt sich nicht mehr ermitteln. 1886 jedenfalls gründeten Arbeiter einen sozialdemokratischen Arbeiterverein für die „Untere Stadt und Prag“, zu dem auch die Berger Genossen gehörten; wegen des großen Zulaufs spaltete der sich 1898 in „Stöckach“, „Prag“ und „Berg“ auf.

Auch die Mineralbäder erfreuten sich regen Zuspruchs. Im Kurhotel des Mineralbads Neuner spielte von 1872 bis weit ins 20. Jh. hinein während der Sommermonate das „Kurtheater“.

Zentrale Funktionen

1892 trat der letzte Berger Schultheiß ab, die Verwaltung lag nun in allen Belangen bei der Stadt Stuttgart. In den folgenden Jahrzehnten wuchsen auf freien oder frei werdenden Bauflächen in Berg zunehmend Bauten, die der Gesamtstadt dienten. 1894/95 wurde die Bergkaserne gebaut als Standort für das II. Bataillon des Grenadier-Regiments Königin Olga (1. Württembergisches) Nr. 119 ; 1909 kam die Maschinengewehrkompanie 119 hinzu, weitere Nebengebäude entstanden. Ganz in der Nähe errichtete man 1904 das Heeresstandort-Lazarett (heute Kulturpark Berg). Im Jahre 1900 ging das Ingenieur-Laboratorium in Betrieb, in dem übrigens 1902/03 der damals noch völlig unbekannte österreichische Ingenieur Robert Musil ein Praktikum absolvierte und wesentliche Teile seines ersten Romans „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ schrieb. In ein direkt neben dem Labor gelegenes Gebäude wurde 1906 die Materialprüfungsanstalt verlegt, die hier bis 1969 blieb.

Das Ingenieur-Laboratorium an der heute verschwundenen Dammstraße, im Vordergrund der Mühlkanal. (Fotografie, 1900)

Das Ingenieur-Laboratorium an der heute verschwundenen Dammstraße, im Vordergrund der Mühlkanal. (Fotografie, 1900)

1910 errichtete der „Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen“ in Berg sein „Ledigenheim“, das 1921 zum „Parkhotel Silber“ umgestaltet wurde. 1911 kam die „Säuglings- und Kleinkinderheilstätte“ hierher (später Städtische Kinderklinik. 1911-13 ließ Herzogin Wera die Heilandskirche errichten.

In der Zeit des Ersten Weltkrieges (1914-18) waren in Gebäuden der gut zehn Jahre zuvor stillgelegten Kuhnschen Fabrik Kriegsgefangene untergebracht, meist Franzosen, das Badhotel Leuze wandelte sich zum „Reservelazarett II“. Die Stadt richtete in dem 1903 erbauten Werahaus 1914 einen Kinderhort ein, in dem während der folgenden Notjahre täglich 50 bis 60 Berger Kinder mit einer warmen Mahlzeit versorgt wurden. Insgesamt forderte der Krieg unter den Bergern 51 Todesopfer.

1920 entstand auf Leuze-Gelände das „Inselheim“ als Altersheim, dem wenig später eine zweite Einrichtung dieser Art, das „Parkheim“, folgte. Auf ehemals Kuhnschem Gelände ließ die Stadt 1925/26 die neue Stadthalle errichten, im gleichen Jahr wurde in der 1913 durch die Stadt übernommenen Villa Berg die Städtische Gemäldesammlung eröffnet. Ein Jahr später begann man, jenseits des Parks, mit dem Bau der Raitelsbergsiedlung, der 1929 mit der Raitelsbergschule seinen Abschluss fand. Ab 1928 kümmerten sich Ärzte und Schwestern in der Landeshebammenschule und in der Staatlichen Frauenklinik um ihre Patientinnen.

Die Epoche der für Berg so wichtigen Wasserkraft ging mit der Neckarregulierung 1928/29 zu Ende. Der Mühlkanal wurde zugeschüttet, sämtliche Betriebe rüsteten endgültig auf elektrische Energie um.

Die 1925/26 nach Plänen des Architekten Hugo Keuerleber errichtete Stuttgarter Stadthalle an der Neckarstraße. (Fotografie, 1925)

Die 1925/26 nach Plänen des Architekten Hugo Keuerleber errichtete Stuttgarter Stadthalle an der Neckarstraße. (Fotografie, 1925)

Im „Dritten Reich“

Schon vor 1933 hatte es in Berg nationalsozialistische Parteigänger gegeben, die aber nicht in einer eigenen Gliederung zusammengefasst waren; sie gehörten parteimäßig zu Cannstatt. Erst im November 1933, als die Zahl der PGs anschwoll, bildete sich eine „Ortsgruppe Berg“, die ihre Geschäftsstelle im Alten Schulhaus (Klotzstr. 34) hatte und von Ortsgruppenleiter Alfred Schaufler geführt wurde.

Einer der frühesten Widerstandsakte gegen das aufziehende NS-Regime ereignete sich in Berg; Roland Müller in „Stuttgart zur Zeit des Nationalsozialismus“ über das „Kabelattentat“: „Höhepunkt des Stuttgarter Wahlkampfes der NSDAP sollte ein Auftritt Hitlers [in der Stadthalle an der Neckarstraße] am 15. Februar 1933 werden. […] Hitlers Rede wurde vom Rundfunk übertragen. Die Übertragung brach um 21.17 Uhr ab; Hitler war nur noch in der Stadthalle zu hören. [… Es] stellte sich heraus, daß am Gebäude Werderstraße 20 die oberirdisch verlegte Leitung zum Telegrafenamt durchtrennt worden war. […] Am Morgen des 16. Februar verteilten Kommunisten Bekennerflugblätter. Sie hätten durch einen wohlgezielten Axthieb Hitler das Wort entzogen.“

Um 1933 lebte rund ein Dutzend jüdische Familien in Berg, hauptsächlich kleine Angestellte, Handwerker und Arbeiter. Von fast allen ist unbekannt, was mit ihnen während des Nazi-Regimes geschah. Man wird annehmen müssen, dass die meisten deportiert und ermordet wurden.

Während des Bombenkrieges wurde Berg schwer beschädigt, ganze Straßenzüge waren schlicht verschwunden. Getroffen wurden am 15. April 1943 etwa die Berger Kirche und die Villa Berg, am 8. Oktober 1943 die Stadthalle, am 26. Juli 1944 die Materialprüfungsanstalt und das „Neuner“; aber auch die Angriffe vom 21. Februar 1944, vom 19./20. Oktober 1944 und vom 12. Februar 1945 wirkten hier verheerend.

Verkehrswege

Nach dem Kriege wurden, um nur einige wichtige zu nennen, manche Gebäude wieder aufgebaut oder mit alter Funktion völlig neu errichtet: dem Urzustand weitgehend entsprechend etwa die Berger Kirche oder die Materialprüfungsanstalt, stark vereinfacht die Villa Berg, völlig neu die beiden Mineralbäder.

1957 trat in Stuttgart eine neu Bezirksverfassung in Kraft, die auch die Innenstadt in Bezirke aufteilte, um die demokratische Teilhabe ihrer Bewohner zu verbessern. Berg bildete von nun an zusammen mit Gaisburg, Gablenberg und Ostheim den Stadtbezirk Stuttgart-Ost.

Was in früheren Zeiten als „Verkehrsgunst“ die Entwicklung des Ortes gefördert hatte, die Lage nämlich am Kreuzungspunkt der beiden wichtigen Achsen Neckartal einerseits und Stuttgart-Cannstatt andererseits, geriet mit wachsendem Verkehr zum Problem. Spätestens seit den 1960er-Jahren wurde klar, dass nur ein großes Kreuzungsbauwerk bei Berg die Ströme bewältigen könnte. Gleichzeitig sollte der Nesenbach gebändigt werden, der 1951, 1965 und 1966 schwere Überschwemmungen verursacht hatte, die teils sogar Todesopfer gefordert hatten; ein Einlaufbauwerk sollte ihn gefahrlos dem Neckar zuleiten. Oberirdisch und offen waren Kreuzung und Nesenbachmündung städtebaulich ebensowenig möglich wie eine Absenkung der Straßen und Schienenwege (wegen der Mineralwasserhorizonte). Die ebenerdigen Tunnels, der Schwanentunnel und der Berger Tunnel, erbaut in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre, versteckten sich unter Hügeln, die zur Bundesgartenschau 1977 verschönert wurden.

Über Jahrhunderte hatte der Neckar mit seiner Wasserkraft den Ort ernährt; Wasserwerk, Leuze-Bad und Uferstraße (B 10) hatten sich nach und nach zwischen Berg und seinen Fluss geschoben. Nun wandte sich der Ort vollends von ihm ab.

Dienstleistung

Auch wirtschaftlich ergaben sich während der zweiten Hälfte des 20. Jh. weitreichende Veränderungen. Nur zwei große Produktionsbetriebe blieben hier bestehen: Wasserwerk und „Auto-Baur“, der erst in den 1990er-Jahren seinen Betrieb einstellte. Die (im weitesten Sinne) medizinische und soziale Dienstleistung trat mit Einrichtungen wie der Frauenklinik, der Kinderklinik (ab 1996 unter dem Namen „Kinder-Villa-Berg“ als Kindertagesstätte), dem Parkheim Berg, seit 1957 dem Paulus-Stift und den beiden Mineralbädern in den Vordergrund. In diesem Zusammenhang ist auch das nahe Karl-Olga-Krankenhaus zu nennen.

Bald nach dem Kriege hatte der Süddeutsche Rundfunk die Villa Berg von der Stadt übernommen und den Großen Sendesaal eingebaut. Über die Jahrzehnte kamen im Park der Villa weitere Büro- und Studiogebäude hinzu. 1975 begann der Sendebetrieb in dem Neubau an der Neckarstraße (dem Standort der früheren Stadthalle); dafür wurde das Gebäude am Stöckach (heute Staatsanwaltschaft) aufgegeben. Der SDR war zum bei weitem größten Arbeitgeber im Ort geworden.

In den 1990er-Jahren zeichnete sich ein weiterer Strukturwandel in Berg ab. Die Frauenklinik zog nach Cannstatt, Auto-Baur machte dicht. Auf beiden Flächen entstehen derzeit (2005) zahlreiche Wohnungen. Ähnliches wird möglicherweise für die nicht mehr benötigten Flächen des Wasserwerks gelten. Dort, wo sich heute der Parkplatz des „Neuner“ erstreckt, könnte ein Badhotel entstehen.

Allen (Verkehrs-)Problemen zum Trotz: Berg scheint sich am Beginn des neuen Jahrtausends auf dem Weg zu einem bevorzugten Wohnstandort zwischen zwei Parks und nahe bei zwei Mineralbädern zu befinden