Stadtteil Frauenkopf

Kurze Geschichte des Frauenkopfs

Ab dem Jahre 1508 ist – an der Kreuzung zweier Viehtriebwege – hier oben eine Liebfrauenkapelle nachgewiesen. Nach ihr hieß der umgebende Wald „Frauenwald“, der entsprechende, 462 Meter hohe Hügel „Frauenwaldkopf“ oder kurz „Frauenkopf“. Schon 1536 war die Hirtenkapelle verschwunden, sie wird im Zusammenhang mit der Reformation aufgegeben worden sein.

Um die Mitte des 19. Jh. wurde ein Teil der heute besiedelten Fläche gerodet – von Obst- und Weingärtnern aus Rohracker, denn zu diesem Dorf gehörte der Frauenkopf in jener Zeit.

1897 kaufte sich erstmals ein Stuttgarter Großbürger hier ein Grundstück: in weiser Voraussicht und für 60 Pfennig pro Quadratmeter. Das erste massive Gebäude war das 1903 errichtete Jagdhaus des Hofrats und Augenarztes Dr. Hans Distler. 1905-08 wurden weitere Flächen abgeholzt und an Interessenten, meist Stuttgarter „Großkopfete“, verkauft. 1908 gründeten die Grundstücksbesitzer den Frauenkopfverein, der sich für die Bebauung der Lichtung einsetzte und den Aufbau einer Infrastruktur forderte. 1911 wurde der Frauenkopf tatsächlich an die Wasserversorgung angeschlossen. Im gleichen Jahr errichtete Anton Sebesta das erste Wohnhaus.

Schon im Folgejahr kaufte Franz Kunkel aus Rohracker das Gebäude für sich und seine Familie. Kunkel, Schriftsetzer von Beruf und sozialdemokratischer Agitator aus Berufung, erhielt bald wegen seiner Rednergabe und der Farbe seines wallenden Bartes den Beinamen „der rote Heiland vom Frauenkopf“. 1923-33 leitete er den Frauenkopfverein.

Bebauungsplan für 250 Häuser

Im Jahre 1915 wurde die Straße zur Stelle befestigt – vorher war die „Siedlung“, die noch 1918 aus nur vier Häusern bestand, ausschließlich über den schmalen Speidelweg von Rohracker aus zu erreichen. Mitte der 1920er-Jahre ließ sich der Baumwollhändler Oscar Konold eine Villa errichten, 1928/29 erbaute der anthroposophische Architekt Felix Kayser das Haus des Künstlers Hermann Finsterlin.

Schon 1926 war der Frauenkopf an die Stromversorgung angeschlossen worden, 1932 folgte der Anschluss ans Gasnetz. Der erste Bebauungsplan für das Gebiet (1929) sah insgesamt 250 „Landhäuser“ vor. Nun entstanden in rascher Folge exklusive Wohnhäuser und Villen, viele für Stuttgarter Industrielle.

Stuttgart-Frauenkopf

Stuttgart-Frauenkopf

 

Eingemeindet in brauner Zeit

1933, nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten, musste der schon erwähnte Franz Kunkel den Vorsitz im Frauenkopfverein niederlegen. Sein Sohn Eugen Kunkel wurde im April ’33 verhaftet und im KZ Heuberg eingesperrt. Nach sechswöchiger Haft wurde er entlassen und konnte ins Schweizer Exil fliehen. 1935 teilte der Frauenkopfverein mit, dass noch nie „Nicht-Arier“ hier oben gewohnt hätten, der Frauenkopf mithin „judenfrei“ sei.

Im Jahre 1937 wurde Rohracker – mit dem Frauenkopf – nach Stuttgart eingemeindet.

Von Kriegsschäden blieb das Gebiet verschont – auch dank des Mutes einiger Kommunisten und Sozialdemokraten. Die rissen nämlich eine Panzersperre am Speidelweg ab – zwei Tage, bevor die Franzosen am 22. April 1945 einrückten.

Nobelwohnort

Im Jahre 1948 wurde der Frauenkopf, wegen der immer intensiver gewordenen Beziehungen dorthin, verwaltungsmäßig der Stuttgarter Innenstadt zugeschlagen; seit der Bezirksreform von 1957 bildet er zusammen mit Berg, Gaisburg, Gablenberg und Ostheim den Stadtbezirk Stuttgart-Ost. Schon 1955 war die hiesige evangelische Kirche mit ihrer Weigle-Orgel eingeweiht worden. 1970 kam eine katholische Kirche hinzu, die jetzt allerdings zum Verkauf steht. In den Jahren 1970-72 wurde nach Plänen von Leonhardt, Andrä und Partner der 192,4 Meter hohe Fernmeldeturm errichtet.

1983-99 stellte der kleine Stadtteil Frauenkopf mit Peter Fischer (SPD) den Bezirksvorsteher des gesamten Stadtbezirks Stuttgart-Ost.

Die Siedlung präsentiert sich heute als begehrter Wohnplatz im Grünen; hier haben sich auch etliche Prominente niedergelassen. Die idyllische Ruhe wird beeinträchtigt durch die rund 5000 Fahrzeuge pro Tag, die den Speidelweg als (unerwünschte) Filderauffahrt benützen. Architektonisch meist wenig befriedigende Lösungen sind dort entstanden, wo Investoren dem Druck in Richtung auf möglichst intensive Nachverdichtung gefolgt sind.